Mein Roman VOM SCHNECKENTÖTER UND ANDEREM WAHNSINN _ oder von der Lust zu leben jetzt auch als e-Book bei amazon.de

 
vom Layout der Print-Version habe ich mich getrennt.

Digitalkamera und Adobe machten es möglich, meine eigenen Vorstellungen umzusetzen.

 








Frühling 1997

 

An manchen Tagen zweifelt Hanna Elisa, ob es ratsam ist in den alten Fotos zu kramen. 

Oft schmerzte es, die so weit von ihr entfernt lebenden, so nah zu sehen. 

Das aufgeschlagene Fotoalbum liegt vor ihr auf der Erde und versonnen betrachtet sie die Bilder des Sommers vor einem Jahr und denkt daran, 

wie sie ihrem Enkel die Bilder der eigenen Kindheit zeigte. Verwundert hatte er sie beim Anblick der Fotos angeschaut ungläubig gefragt,

„Das kleine lockige Mädchen bist du? Nein Oma, das ist nur der Beginn einer neuen Geschichte!“

„Nein, nein, mein Schatz, das ist die Wirklichkeit. 

Alle Menschen kommen klein zur Welt, werden Jahr für Jahr größer bis sie erwachsen sind und sie sind so unterschiedlich wie die Steine,

die wir vor wenigen Tagen zusammen am Strand sammelten. Manche werden dick und klein, andere dünn und groß,  

vielleicht auch groß und dick, und denke nur an den Blumenverkäufer in Avila, dann weißt du, kleine dünne Menschen gibt es auch.

 Einige Menschen sind fröhlich, andere ernst. Es gibt die lieben und die bösen, denen man am besten aus dem Weg geht und die herzensguten, 

von deren Seite niemand weichen will, weil sich jeder in ihrer Nähe so geborgen fühlt. 

Da sind noch die stillen Menschen und die, die ständig reden, obwohl sie nichts zu sagen haben und die ignoranten, die tollpatschigen und die geschickten. 

Nur eins trifft auf jeden Menschen zu, er ist einzigartig und auch dich Noah gibt es nur einmal auf der Erde“.

 Andächtig hörte der Kleine ihr zu, in jeder Hand ein kleines Auto, mit denen er über riesige Phantasiestraßen um sie herum fuhr,

 immer wieder einen Blick auf ihre Fotos werfend und sie blickte abwechselnd auf das spielende Kind und auf das Foto in ihrem Album.

 Sie sah sich auf der Wiese am Hang sitzen, kleine Blumen in der Hand, fühlte sich in den längst vergessen geglaubten Frühlingstag zurück versetzt. 

Fragte sich, was davon bin noch ich, -  beeinflussen Erinnerungen und Erfahrungen aus dieser Zeit, in der mir nur Liebe und Zuverlässigkeit begegnete,

 noch meine heutigen Handlungen?

Zur Zeit der Baumblüte, von der das Foto erzählte, war sie achtzehn Monate alt, einer rundlichen pausbäckigen Puppe ähnlich.  

Wie anders sahen die Erwachsenen aus, eingefallene Wangen, schlotternde Anzüge und zu weite Kleider an ausgemergelten Körpern 

und selbst das glückliche Lachen über die wieder erlangte Freiheit, das Zusammentreffen der Familie an einem herrlichen Frühlingstag, 

verdrängte die Panik und die Angst über das in der Vergangenheit erlebte nicht aus ihren Augen. 

Der Zeit entsprechend war das Bild schwarzweiß. Verblüfft sah Noah sie an, „Oma wo hast du die Farben verloren?“

„Nein mein Kind, ich habe sie nicht verloren, sie sind alle noch in meinem Kopf“.

 Unzählige Male besuchte sie bis in die ersten Jahre ihrer Ehe diese Wiese zur Zeit der Obstblüte und sie schilderte dem blonden Jungen an ihrer Seite die Farbenvielfalt, die das kleine Mädchen Jahr für Jahr

 verzauberte.  

Die von ihrer Mutter bereits vor ihrer Geburt gestrickten, mit kleinen bunten Blumen bestickten weißen Wolljacke, den blauen weiten Rock, aus einer alten Marineuniform ihres Vaters genäht, 

Vorkriegsware, konnte sie sich mit den Geschichten ihrer Entstehung gut ins Gedächtnis rufen.  Nachdem sie aus diesen Sachen heraus gewachsen war, wurden sie noch Jahre später von ihren Cousinen 

getragen. 

Sie liebte diese Wiese, und beim Blättern in den Fotos schien es ihr, der Duft der Frühlingstage hüllte sie immer noch ein, begleitete sie bis in die Gegenwart,

 um sie vor den unechten synthetischen Gerüchen einer egoistischen, verlogenen, doppelzüngigen, nur den lauten Äußerlichkeiten, Effekten und Schlagzeilen hinterher jagenden Meute zu schützen,

 und für einen kostbaren Augenblick verdrängte der zarte Frühlingsduft aus glücklichen Kindertagen die kalte übel riechende Aura der Menschen aus ihrer Nähe, 

die ohne Rücksicht auf das Erhaltenswerte nur an ihrem Profit interessiert waren, die Stunde für Stunde mehr Raum in der Gesellschaft einnahmen, das Tagesgeschäft bestimmten.

Sie liebte die Frühlingsblumen, die Kirschbäume, den kleinen Bach und das Gefühl der Freiheit, dass sie auch später bei der Erinnerung an diese Ausflüge stets empfand.

Das Versprechen wieder kommen zu dürfen, wenn das erste Obst reif war, schenkte ihr Sicherheit und sie sah sich hinter den Erwachsenen den Berg hinauf hüpfen, 

die mit Leitern und Körben beladen auf dem schmalen steilen Patt liefen, erinnerte sich, wie sie sich wieder und wieder umschaute, 

ihren Großvater Jakob nachahmend, der oft stehen blieb, um zu verschnaufen und unentwegt feststellte, es gäbe keine schönere Aussicht auf der Welt, 

als von hier auf den Rhein zu schauen, auf das Siebengebirge mit dem Drachenfels. 


                                                                            1949 






                                                                                                                      1928






Enzos Geschichten

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Mein Name ist Enzo Ferrari. Meine Familie sagt, der Name ist Programm, weil ich immer und überall mit Vollgas starte. Meine Schwester ist eine hübsche dreifarbige Lady. Sie heißt Minou. Aufgewachsen sind wir in einem zauberhaften Garten. Zahlreiche Bäume und Sträucher locken Vögel, Igel, Schmetterlinge, Eichhörnchen an, die wir nicht jagen dürfen. Renate sagt, auch die kleinen Lebewesen haben eine Seele und wollen fröhlich durch den Tag springen, fliegen, hüpfen und nicht von solchen Ungeheuern wie wir für sie sind gejagt werden. Und jetzt ist Minou verschwunden. Ich habe sie noch aufgeschreckt von einem lauten Knall aus dem Garten laufen sehen. Jetzt suchen wir sie schon seit Monaten. Damit ich nicht zu traurig bin hat Renate einen Kater aus dem Tierheim geholt. Lenin ist ein toller Kerl. Wir haben uns auf Anhieb gemocht und bereits so manches Abenteuer gemeinsam bestanden. Aber auf meine Insel traut Lenin sich noch nicht. Hier habe ich so oft mit Minou in der Sonne gelegen und zugesehen wie die Fische ihre Kreise zogen und nach Insekten schnappten. (Die dürfen Tiere jagen, dazu sagt Renate nichts) Oft liege ich hier, denke an die Ausflüge, die ich mit Minou unternahm und stelle mir vor wie es ist wenn sie zurück kommt. Wenn wir Verschnaufpause einlegen mussten, sprangen wir zu ihr in den Sessel und machten es uns bequem, kuschelten ein bisschen und schliefen schnurrend ein. 

Aber jetzt ist das Buch fertig. Ihre Freunde finden die Geschichte schön, haben beim Lesen geweint und gelacht und sagen, sie soll schnell eine neue Geschichte schreiben. Das würde mir auch gefallen. Dann weiss ich immer, wo sie ist und läuft nicht ständig irgendwo in der Gegend herum wo ich sie nicht finde. Jetzt hat Renate mich gebeten, dass sie meine Erlebnisse und Gedanken veröffentlichen darf. Und wenn Sie sich mit der Vorgehensweise hier vertraut gemacht hat, werden Sie eine Menge über uns erfahren können. Soviel will ich schon verraten, Minou ist immer noch nicht da.  




 Enzo erzählt von Luigis abenteuerlichem Weg ins Natur- und Katzenhaus 



    

Luigi ist ein Kater, wie ich. Er ist nur viel älter und rot getigert mit weißer Schwanzspitze.


Es geschah vor langer Zeit, da wurden drei kleine Kätzchen in einem Haus geboren, in dem eine 

Familie mit großen persönlichen Problemen wohnte. Das bedeutete, sie zankten und  schrieen den 

ganzen Tag und ab und zu schubsten und schlugen sie sich. Das war nicht nur für die Kinder 

furchtbar, die Katzen litten auch und so machten sie sich auf den Weg ein neues zu Hause zu finden. 

Zu Dritt marschierten sie los und schon nach kurzer Zeit fanden die beiden langhaarigen 

wunderschönen  Mädchen eine Ruhe und Zuwendung versprechende Unterkunft. Katerchen  war zu 

scheu sich den Menschen zu nähern.  Durch einen Fußtritt seines ewig schreienden ausrastenden  

Futtergebers war sein Kiefer gebrochen, das Fressen beschwerlich und er konnte sein Maul nicht 

ganz schließen. Es schmerzte. Kam ein Mensch in seine Nähe, geriet er in Panik und seine Augen 

sprachen von der Angst vor weiteren Schlägen und Tritten. So wanderte er aus der kleinen Stadt 

hinaus. Es war Sommer und der Tisch für einen hungrigen Kater in der Feldflur reich gedeckt.

 Regnete es, fand er in einer kleinen Scheune Unterschlupf, in der schon  andere heimatlose Katzen 

gestrandet waren und ein freundlicher Mann täglich eine große Schale mit Milch füllte.  Es wurde 

Oktober, der erste kalte Wind strich über abgeerntete Felder. Katerchen war nun fünf Monate alt und 

ihm war anzusehen, wie groß und stark er einmal werden würde. In der Hierarchie der 

Scheunenkatzen stand er noch auf der untersten Ebene, aber das störte ihn nicht. Er dachte nie 

daran die Scheune und seine Kumpel zu verlassen. Aber es kam anders.


Nicht weit von der Scheune entfernt führte ein Spazierweg vorbei, der täglich von vielen Menschen 

genutzt wurde, ihre Hunde auszuführen. Die meisten fuhren mit dem Auto vor, öffneten die Tür, ihr 

Hund sprang heraus und rannte im Sauseschritt am Straßenrand entlang und der Mensch fuhr 

langsam mit dem Auto hinter ihm her. Hier und da gab es auch Menschen die sich darüber freuten 

mit ihrem Hund zu rennen, zu toben, Stöcke zu werfen und einfach gemeinsam Spaß zu haben. Und 

das ist die Stelle an der Katerchens Leben sich ändern sollte.


Luise ging mit ihrem kleinen schon etwas älteren, keiner Rasse zugehörenden mit Katzen und Vögeln 

aufgewachsenen Hund, einfach ein rundherum netter intelligenter schwarzhaariger Herr mit 

Namen Blacky, den Weg entlang. Sie nahmen sich viel Zeit. Wie jeden Morgen lief ihre  kleine Katze  

Flecki hinter ihnen her, während die alten Kater zu Hause blieben und die Ruhe vor der allzu 

lebendigen Gefährtin genossen.


Es war ein herrlicher Herbsttag, Sonnenschein verwöhnte die Erde und ihre Bewohner und so liefen 

das Trio fröhlich immer weiter, bis sie den Bereich der eingezäunten Steinbrüche erreicht hatten.   


Was war das? Blacky spitzte die Ohren, Flecki wurde unruhig und versuchte einen Weg über, unter 

oder durch den Zaun zu finden und Luise nahm ein klägliches Miauen wahr. Sie war eine tatkräftige 

Frau, zögerte nicht lange, bat die Tiere am Zaun stehen zu bleiben und kletterte kurz entschlossen 

darüber. Am Rand des Steinbruchs stehend überschaute sie schnell die Situation, in die sich das 

kleine rote Katerchen gebracht hatte. Wahrscheinlich auf der Kaninchenjagd war er in den 

Steinbruch gerutscht, auf einem kleinen Vorsprung zum Stehen gekommen und nun wusste er nicht 

weiter. Zum Heraufklettern war die Wand zu steil und in die Tiefe wollte er auf keinen Fall. Wusste 

er doch nicht, dass es an anderer Stelle sogar Wege gab, die den LKWs ermöglichten den Steinbruch 

zu befahren. Luise sprach beruhigend auf ihn ein. Sie ahnte nicht, dass er keinem Menschen 

vertraute. Was konnte sie unternehmen, um den kleinen Kerl zu retten. Erst einmal bat sie ihn 

durchzuhalten. Sie würde ganz bestimmt zurück kommen und ihn aus dieser Falle befreien. 

Katerchen glaubte nichts, aber die Tiere am Zaun signalisierten ihm Zuversicht.


Bereits am frühen  Nachmittag hatte Luise all die Dinge organisiert, mit deren Hilfe sie glaubte 

Katerchen zu retten und sie belud ihr Auto mit Seil, Futter und einer Katzenfalle aus dem Tierheim. 

Ein netter Nachbar, zum Glück war er schon im Ruhestand, unterstützte sie bei der Aktion und wie 

sich jeder denken kann, sie hatte Erfolg.


Wir wissen nicht wie lange Katerchen schon auf dem Vorsprung saß, dass hatte er vor lauter Schreck 

selber vergessen und auch in späteren Jahren in Gesprächen mit uns jungen Katzen fiel ihm das 

nicht mehr ein.


Für uns ist nur wichtig, dass er die Falle betrat, die Luise mit Hilfe des Nachbarn und der Seile auf 

den Vorsprung herunter ließ. Er hatte soviel Hunger, dass er all sein Misstrauen beim Duft der 

Köstlichkeiten, die da vor ihm ausgebreitet waren, unterdrückte. Er saß in der Falle, wurde 

hochgezogen, starb fast vor Angst und beim Versuch ihn aus der Falle in einen Katzenkorb zu setzen 

biss, kratzte und fauchte er so heftig, dass Luise schnell die Falle schloss und ihn darin sitzen ließ.


Am Abend erwartete sie Gäste. Ihr könnt euch sicher denken, wer das war. Als Renate mit ihrem 

Mann eintraf hatte Katerchen sich immer noch nicht beruhigt, saß verschüchtert in einer Ecke des 

langen Käfigs und fraß nun auch nicht mehr. Die beiden sprachen mit ihm, bewunderten seine 

Schönheit, sein kuscheliges Fell und Katerchen spürte ihr Entsetzen über seinen gebrochenen Kiefer.


Im Laufe des Abends kam das Gespräch immer wieder auf  Luises Rettungsaktion zurück und traurig 

stellte sie fest, ich kann Katerchen nicht behalten. Ihr Mann war allergisch gegen rote Katzenhaare. 

Renates Mann winkte ab, wir haben mit unseren Tieren genug. Sie blieb still und Luise wollte am 

nächsten Morgen Katerchen schweren Herzens samt Falle ins Tierheim bringen. 


Auch das kam anders. Im Tierheim war die  Katzenseuche ausgebrochen und die Leiterin befürchtete, 

dass unser Katerchen zuwenig Widerstandskraft habe und sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen 

anstecken würde. Ob Luise ihn nicht behalten könnte, bis die Seuche unter Kontrolle gebracht wäre 

und Katerchen wieder aufgepäppelt sei. Und so stand wenig später die ratlose Luise vor Renates 

Haustür, Katerchen inzwischen mit Hilfe der erfahrenen Tierheim-Mitarbeiter und dicken 

Handschuhen  in einen Katzenkorb umgesetzt.


Warum soll ich es lange ausschmücken, Luigi zog zu Renate und ihrer Familie und der restlichen 

Katzenbande ein.


Der Begin ihrer gemeinsamen Zeit begann mit Aufregungen. Beim ersten Versuch den Korb zu öffnen 

verschwand Katerchen. „Nicht aufzufinden“ war der Kommentar der Familienmitglieder und 

Freunde der Kinder, die sich alle an der Suche beteiligt hatten. Renate glaubte nicht das ihr 

Schützling weit weg gelaufen sei und bat die anderen im Haus zu bleiben. Und sie täuschte sich nicht. 

Im Garten stand ein zweckentfremdeter Hühnerstall und dort im aufgestapelten Holz saß er, zog sich 

bei Renates Näherkommen sofort in einen Hohlraum zurück. Aber sie hatte ihn entdeckt und war 

beruhigt. Er war klug. Er würde die ihm in seiner neuen Familie gebotenen Annehmlichkeiten beim 

Anblick der anderen Katzen schon erkannt haben.


Eine ganze Woche verbrachte Katerchen in dem Holzstapel. Renate stellte ihm das Futter hin. Er 

fraß, wenn sie wieder im Haus war. Nachts freundete er sich mit den anderen Katzen an, erfuhr 

einiges über seine neuen Futtergeber und streckte nach einigen Tagen bereits erwartungsvoll seinen 

Kopf aus dem Holzstapel hervor und zeigte seine Freude über das ihm so liebevoll zusammen gestellte 

Futter. Und dann, an einem Sonntagmorgen, die Familie hatte länger geschlafen, die Katzen saßen 

erwartungsvoll in der Küche und hofften, der Tag würde endlich beginnen, öffnete sich ganz langsam 

und leise die Katzenklappe und Katerchens Gesicht erschien. Von der Katzenbande herzlich 

willkommen geheißen setzte er sich mit ihnen in die Runde und als Renate die Küche betrat sah es so 

aus, als wäre er immer schon bei ihnen gewesen.  Sein Leben lang blieb Katerchen misstrauisch und 

vorsichtig, aber der  Familie gehörte sein Vertrauen.


Natürlich dauerte es eine Weile bis er sich rundherum in seiner neuen Familie mit all ihren Stärken 

und Schwäche wohl fühlte und sein Misstrauen ganz ablegte. Da war der Schlagzeug spielende Sohn, 

der auch noch dem Klavier und der Gitarre für Katzenohren viel zu laute Geräusche entlockte. Aber 

da auch Oma, Opa und ihr Hund Nicky immer wieder betonten, sie fänden es schön,  wenn die 

Jugend musiziert und sie mussten schließlich auch dieses Getöse über sich ergehen lassen,  lernte er, 

seine Ohren zuzuklappen und den Lärm an sich vorbei ziehen zu lassen. Das war beim Gekicher und 

Geschnatter der Freundinnen der Tochter oft schwieriger. Schließlich wollte er schon wissen, 

worüber sie sprachen, auch wenn die Tonlage oft schwierig zu ertragen war, für ihn als Kater.


Es wurde Februar. Renate lief schon den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus und die Katzen 

glaubten, der den ganzen Tag vom Himmel fallende Schnee wäre Schuld daran. Das konnten sie 

verstehen. Sie selber rannten immer wieder Schneeflocken haschend durch den Garten, verfolgten 

ihre eigene Spur  und tobten über den zugefrorenen Teich. Nur um sich aufzuwärmen gingen sie ins 

Haus, schliefen einen kurzen Schlaf und rannten wieder hinaus. Das Lieblingsspiel, und das sollte 

auch in schneefreien Tagen lange so bleiben, war


“Bäume wechseln“. Das lernte ich leider nicht mehr kennen, weil einer der dafür unbedingt 

gebrauchten Bäume diesem furchtbaren Sturm in einem Januar vor meiner Geburt zum Opfer fiel. 

Aber die anderen haben mir erzählt, wie viel Spaß es gemacht hatte den Walnussbaum 

heraufzuklettern, oben angekommen zu warten bis eine andere Katze in der Blumenesche saß,  um 

dann gleichzeitig loszurennen, in der Mitte des Rasens sich zuzublinzeln und blitzartig den anderen 

Baum hochzuklettern. Bis zum Umfallen wurde diese Spiel gespielt und die Katzen freuten sich 

immer wieder über die bewundernden Ausrufe der Familie.


Schon seit dem frühen Nachmittag durfte Katerchen, der jetzt Luigi hieß, nicht mitspielen. Er wurde 

in einem der wenigen Zimmern im Haus festgehalten, aus dem man als Katze ohne menschliche Hilfe 

nicht heraus kam. Gemein, sagten alle. Zu früh vertraut, dachte Luigi.


Es war schon dunkel. Nicky wurde zusammen mit Luigi ins Auto gesetzt und Renate fuhr mit ihnen 

davon und am allerschlimmsten war, sie kam ohne die beiden  zurück.


Später klärte sich natürlich alles auf. Renate fuhr am selben Abend noch einmal davon. Diesmal blieb 

sie viel länger weg und die Erleichterung der Katzen war groß als sie ihre Kumpel begrüßen konnten, 

die beide sehr eigenartig durch den Raum torkelten. Für Alkohol verabscheuende Wesen ein 

eigenartiges Verhalten. Nicky wurde freudig von Oma und Opa in Empfang genommen, und der für 

eine Katze ungewöhnlich nasse Luigi fiel auf seinen Lieblingsschlafplatz auf Renates Kuscheldecke 

und schlief auch sofort ein.


Was war mit ihnen geschehen? Auch hier ist die Erklärung wieder sehr einfach. Renate war mit 

ihnen beim Tierarzt und sie sind kastriert worden. Kaum aus der Narkose wach keimte Luigis altes 

Misstrauen wieder auf und er nahm die erste sich bietende Gelegenheit wahr davonzurennen. Und 

Renate rannte hinterher, sozusagen über Stock und Stein. Sie umrundete Hecken, Zäune, betrat 

fremde Gärten, immer Luigis weiße Schwanzspitze im Auge, der einzige Anhaltspunkt in der 

Dunkelheit, der Gefahr lief, sich im Schnee zu verlieren. Sie stand erschöpft und mutlos in einem 

Hauseingang, hatte gerade ein Holzlager umrundet, in der Annahme, Luigi hätte sich dahinter 

verborgen und nun fand sie ihn nicht mehr. Sie dachte an Nicky, der im kalten Auto lag und 

bestimmt fror. Da entdeckte sie in einer offenstehenden Garage wieder die weiße Schwanzspitze. 

Vorsichtig näherte sie sich dem Ausreißer, sah ihm fest in die Augen, sprach leise, beruhigende 

Worte, erzählte von den zu erwartenden schönen gemeinsamen Tagen und Luigi blieb stehen, 

erwiderte ihren Blick und ließ sich auf den Arm nehmen und widerstandslos zum Auto tragen und 

würde nie mehr Misstrauen gegenüber seiner Familie empfinden.


Im Oktober als unsere kleine Kitty starb, Luigis langjährige Freundin und Begleiterin in glücklichen 

Stunden, verlor er seine Lebensfreude und sein Kumpel Carlito, der beste aller Baumstürmer, konnte 

ihn nicht trösten. Luigi glaubt, wir Jungen hätten jetzt alles von ihm gelernt, was zu lernen ist und er 

will zu Kitty und all den anderen, die ihn in seinem Leben begleitet haben, ins Regenbogenland und 

er steht schon auf der Brücke, sieht Kitty und die anderen winken und sieht dann uns mit großen 

Augen an, lässt es zu, dass wir ihm zärtlich mit der Zunge über den Kopf streichen und wir sagen 

ihm, geh nur Luigi, geh ganz ruhig und warte auf uns, eines Tages kommen wir auch und bis dahin 

werden wir noch viel Erleben, Spaß haben und lachen, aber wir werden dich nie vergessen.

 


 

Vom Geschichtenerzähler Enzo und einem sonnigen September

 

Es ist Nacht, der Katzen schönste Zeit. An ganz normalen Tagen bin ich mit der  Katzenbande zu dieser Stunde schon im Dunkel verschwunden. Die Dächer der umliegenden Häuser,  Büsche, Bäume, Gartenhäuser, Keller und ein alter Hühnerstall laden ein zu tausendundeinem Abenteuer. Irgendwann aber haben wir genug Mäuse gefangen, Nachtfalter gejagt und den Kröten hinter her gesehen, die Alten eher, die Kleinen etwas später. Schließlich besitzen sie noch die Ausdauer der Jugend. Und dann wird es auch schon Zeit für den nächtlichen Diskussionskreis. Hintereinander huschen alle Katzen des weiteren Umfeldes in Renates zum Geräteschuppen umgestalteten Hühnerstall, setzten sich auf Abstand bedacht  in einem so großen Rund zusammen wie es die Wände des Stalls erlauben und der Austausch der Tagesereignisse beginnt. Die Alten, der vielen Reden müde, setzten sich in majestätischer Haltung auf  die Reste der etwas abseits liegenden Strohballen. Sie genießen das Zusammensein wortlos, erinnern sich an vollbrachte Heldentaten und viele Streiche, die die Jungen ihnen niemals zugetraut hätten. Aber sie schweigen, wissen sie doch das Taten aus vergangener Zeit die Jugend wenig interessiert. Ihr Leben steht jetzt im Mittelpunkt. Lenin, seit Minous Verschwinden  mein allerbester Kumpel, gesellt sich zu mir. Es gibt Tage, da kann ich seine Anwesenheit nur schwer ertragen, obwohl ich ihn gern habe und seine Art sehr schätze. Aber er kam ins Haus, weil Minou verloren ging...

 Natürlich versuche ich die negativen Gefühle zu verbergen, aber Lenin ist sehr feinfühlig und erkennt meine Stimmung sofort und dann zieht er sich traurig in sich selbst zurück. Heute geht es mir gut und Lenin ist entspannt und glücklich. Er lebte in seinem ersten Lebensjahr mit neun anderen Katzen bei einer sehr alten Dame. Sie wurde krank und es blieb keine Hoffnung auf Genesung und ihre Kinder kamen aus der Ferne und brachten Lenin und seine Familie in das seit einiger Zeit ständig  überfüllte Tierheim. Sie wurden gut versorgt und fügten sich geduldig in ihr Schicksal. Als Renate meine Trauer über den Verlust meiner kleinen Schwester nicht mehr mit ansehen konnte, sie selber bei meinem Anblick auch immer trauriger wurde und die alten, ach was sage ich, die uralten Katzen Luigi, Kitty und Carlito auch nur weise Sprüche von sich gaben, sagte sie, jetzt ist Schluss mit der Trauer, jetzt fahre ich ins Tierheim,  und sie sah Lenin in die Augen und  spürte, das ist der richtige Kumpel für Enzo. So war es auch und er ist es immer noch. Die kleine alte Kitty ist gestorben, aber das ist eine andere Geschichte und es kamen die wunderschöne Arischa und ihr Halbbruder Dimitri ins Haus. Heute durften die beiden das erste Mal mit uns in die Dunkelheit hinaus.  Mit großen staunenden Augen liefen sie an unserer Seite, tobten, haschten nach Unbekanntem, wollten gar nicht mehr von dem mit Efeu bewachsenen Dach herunter kommen, fielen fast in den Teich. Aber Lenin und ich sind gute Pflegeväter, keinen Augenblick lassen wir sie aus den Augen.

Jetzt sind wir vollzählig versammelt, fast vollzählig muss ich bemerken. Der dicke Bilbo trudelt immer etwas später ein. Er kontrolliert noch diverse Futternäpfe, die die Menschen für die Igel gefüllt haben. Nicht das jetzt jemand etwas Falsches denkt, er kontrolliert sie nur, sein Körperumfang spricht für sich, er hat das nicht nötig, er wird bestens versorgt.

Alle Augen sind auf mich gerichtet, wollte ich doch vom wunderschönen Herbst mit Minou erzählen. Lenin und die Kleinen kennen die Geschichte auch noch nicht und ich überlege, wie ich beginne.

Es war September, wunderschönes Wetter und  Renates Mann packte das Auto, schleppte Koffer, Katzenkörbe, Spielzeug, Blumenstauden, Bambus, und Büsche, alles Ableger aus unserem Garten, ins Auto. Minou und mich verfrachtete er im Reisekorb, und alles wurde im Auto verstaut. Die Alten wollten zu Hause bleiben,  Reisen lehnten sie ab. Für Betreuung, Fressen und Streicheleinheiten war gesorgt. Unser Ziel war der Garten, indem One und Two in jeder freien Minute Fußball spielen. Hier begann unsere Freundschaft. Gemeinsam wurde gebuddelt, gegossen, Ball gespielt und traurig kletterten wir nach einer Woche wieder ins Auto, als es nach getaner Arbeit, viel Geschnatter und Gelächter, Sekt trinken, Kuchen essen und  Sahne schlecken, Herzen und Küssen hieß, Abschied zu nehmen, ab nach Hause.

Kommen wir von einer längeren Fahrt zurück führt  Renates Schritt sie zuerst  in den Garten. So auch diesmal. Unseren Reisekorb noch in der Hand, sich hinunter beugend  um ihn abzustellen, fällt ihr Blick auf die Wiese unter den Walnussbaum. Oh Schreck, Minou und ich springen aus dem Korb, den Renate unsanft, aber bereits geöffnet, auf die Erde fallen lässt. Was ist passiert?  Die gesamte Nachbarschaft scheint ihre Regenfässer, Speisskübel und einen Pool auf unserer Wiese abgestellt zu haben. Schnell löst sich  das Rätsel. Der Teich hat ein Loch, die Fische sind in den  Pool umgezogen, die Wasserpflanzen versuchen in den zahlreichen Behältern zu überleben. Das mussten wir begutachten. Wir rannten zum Pool und vorsichtig balancierten wir auf dem dicken Luftring. So nah waren wir den Fischen noch nie. Renate hatte uns von Anfang an unmissverständlich erklärt, sie duldet nicht, wenn wir Tiere töten, ausgenommen Mäuse und Ratten.  Schweren Herzens richten wir uns danach, auch wenn es an manchen Tagen sehr schwer fällt, vor allem dann, wenn wir alleine sind und unsere Taten von niemanden bemerkt werden. Renate trat an den Pool, nahm jeden von uns in eine Hand und aus war der Traum, den Fischen nahe zu sein.

In den nächsten Tagen  verwandelte sich der Garten in ein wunderschönes Chaos und der Teich war nur noch ein großes Loch mit steilen Wänden. Minou und ich waren erst ein paar Monate alt und dieser Trichter riesig und auf Renates Wunsch vergrößerten ein paar nette junge Männer ihn noch und legten Terrassen an, formten und verschönerten die gesamte Ansicht, und unsere Spiellandschaft war vollkommen. Wir jagten uns kreuz und quer, hinauf und herunter und rundherum. Im Flachland geboren und aufgewachsen konnten wir uns jetzt vorstellen, wie schön es sein muss in den Bergen herumzulaufen. Alles machten wir gemeinsam. Selbst der alte Luigi gesellte sich an diesen Sonnentagen zu uns, und wenn er auch nicht mehr so viel tobte, den  herunter kullernden Lehmbrocken lief er auch hinterher. Kitty lag auf ihrem Lieblingstisch und blinzelte uns wohlwollend zu. Immer wieder liefen wir zum Pool, sahen Renates besorgten Blick. Sie fürchtete um Goldorfen, Koi  und Bitterlinge. Zügig sollte die Arbeit voran schreiten, damit vor dem Winter alles schön gemütlich für die Fische wäre. Und eines Tages war es dann soweit. Wir wurden des Teiches verwiesen, freundlich aber bestimmt. In angemessener Entfernung beobachteten wir die starken Jungs, die die riesige Plane mit lautem Hauruck auslegten, sich gegenseitig auf die Schulter klopften und Renate zufrieden lachte. Regenwasser lief ein, Unterwasserpflanzen wurden eingesetzt und die Spannung stieg. Was passiert mit den Fischen. Können wir vielleicht doch einen schnappen, einen ganz kleinen? Ihr könnt es euch denken. Wie geschickt wir es auch anstellten, Renate ließ sich nicht ablenken. Minou veranstaltete die größten Faxen, stellte sich auf die Hinterbeine, imitierte ein Erdmännchen, verfolgte auf dem Rand des Pools einen Marienkäfer, zeigte kein Interesse für die Fische. Pirouetten drehend tanzten wir zu den  Fässern, knabberten an Gräsern, folgten springend  einem weißen Schmetterling. Renate amüsierte sich über unsere Mätzchen,  durchschaute sie aber. Sorgsam nahm sie die Fische aus dem  Pool, in dem nur noch wenig Wasser war und ließ uns erst aus den Augen  als der letzte Fisch umgesetzt war. Erschöpft aber zufrieden nahm sie uns auf den Arm, stellte sich an den Teich und wir schauten gemeinsam den dicken Goldorfen zu, die aufgeregt ihre Bahnen zogen. Endlich wieder Platz, riefen sie. Aber das verstanden nur  Minou und ich. Stolz erzählten wir allen im Garten lebenden Tieren, die Fische haben die Aktion unbeschadet überlebt. Seite an Seite saßen wir von nun an jedem Abend am Wasser, beobachteten die Fische, sahen den Wasserläufern zu, und grübelten, wie sie es schafften ohne Hilfe über das Wasser zu laufen. Wir versuchten das auch, immer wieder, wir wollten nicht glauben, dass diese kleinen Käfer etwas können, das uns nicht gelang. Aber unsere Versuche scheiterten kläglich. Immer wieder versanken wir im Wasser, schwammen jedes Mal aufs Neue erschrocken ans Ufer, beobachteten weitere Stunden, ja Tage, die kleinen Tiere und ergründeten ihr Geheimnis nicht. Nachdem wir dann noch einige missglückte Laufversuche auf dem Wasser unternahmen, den im Zickzack-Kurs fliegenden Libellen hinterher sprangen und dabei auch im Wasser landeten, und zu unserer Schmach jedes Mal  in ein Badetuch gewickelt wurden, gaben wir auf und achteten auf einen angemessenen Abstand zu allen am und im Wasser lebenden Tieren. Nichts sollte uns mehr locken.

Wenn Minou und ich aus lauter Neugier und Übermut ins Regenfass fielen, Renate uns trocken rubbelte und tröstende Worte sprach, das konnten  wir genießen. Das tat gut. Aber nach einem wohl überlegten Versuch, der dann kläglich scheiterte, lachend  in ein Handtuch gewickelt zu werden, das war zu viel, das war gegen die Katzenehre. Da waren Minou und ich einer Meinung.